Nextbike, Lime & Call-a-bike: Leihfahrräder überall und nirgendwo

Die Bedeutung der Leihfahrräder für Städte

Leihfahrräder – subventioniert oder frei angeboten - sind in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil moderner urbaner Mobilität geworden. Aber wie sieht ein zeitgemäßes Angebot aus? Müssen diese weiterhin von städtischer Seite subventioniert oder können Sie auch privatwirtschaftlich betrieben werden?
Oder ist die bestmögliche Alternative eine Kombination aus einem eher öffentlich subventioniertem Angebot von Call-a-bike oder Nextbike, und eher privatwirtschaftlichen Anbietern wie Lime oder Dott?

Integriertes GPS-Tracking und App-Nutzung als Meilensteine der letzten 20 Jahre

Seit den frühen 2000er Jahren haben sich Leihfahrradsysteme in vielen europäischen und internationalen Großstädten etabliert. Oft stationsbasiert und auf festgelegte Stadtbereiche beschränkt. Mit dem technologischen Fortschritt – insbesondere durch Apps und GPS-Tracking – konnten sich Free-Floating-Anbieter, bei denen Räder flexibel abgestellt werden können, im Markt etablieren. Die öffentliche Hand hat vielerorts gezielt in den Ausbau dieser Angebote investiert, um die Attraktivität und den Zugang zur nachhaltigen Fahrrad-Mobilität zu erhöhen.

Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen jedoch, dass der Erfolg solcher Systeme maßgeblich von einer bedarfsgerechten und zeitgemäßen Weiterentwicklung der Ausgestaltung abhängt. Während eine hohe Verfügbarkeit und einfache Handhabung zu hoher Nutzung führen, stehen die dazugehörigen Kosten bei subventionierten Angeboten verstärkt zur Frage. Unkontrolliert abgestellte Fahrräder – insbesondere in engen Innenstadtbereichen oder eine überbordende “Stations”-Infrastruktur des öffentlichen Angebots sind dabei die augenscheinlichen Geschwüre einer fehlgeleiteten Förderung welche Weiterentwicklungen erfordert.

Ziel für die Innenstadt: 100% Free-Floating und smartes Hotspot-Management

Kommunen stehen vor der Aufgabe, begrenzte Flächen so zu organisieren, dass sowohl Fußgänger, Radfahrer als auch andere Verkehrsteilnehmer profitieren. In kompakten Innenstädten hat sich das Free-Floating-System als besonders nutzerfreundlich erwiesen, da es maximale Flexibilität bietet. Diese Form der Bereitstellung erfordert ausreichende “normale” Fahrradabstellmöglichkeiten um wildes Parken zu verhindern und den öffentlichen Raum nicht unnötig zu verkomplizieren.
Eine besondere Berücksichtigung erhalten dabei einige wenige Hotspots - wie ein Hauptbahnhof. Vor allem hier ist es notwendig das Abstellen nicht zu stark zu bündeln, sondern intelligent auf das Gebiet um den Hotspot zu verteilen.

Extra gestaltete Leihfahrrad-Abstellplätze abseits der Hotsports sind sowohl für subventionierte als auch private Anbieter in der Regele nicht notwendig. Diese verkomplizieren vor allem die einfache Anwendung und können schnell für Verwirrung sorgen. Wichtig ist, dass die Orientierung über die App klar und einfach gestaltet sein muss. Teilweise wurde das in der Vergangenheit bei einigen Anbietern vernachlässigt.

Randgebiete: “Inselgebiete” als effiziente Möglichkeit

In weniger dicht besiedelten Randgebieten stoßen 100% Free-Floating-Systeme häufig an ihre Grenzen, da die Nachfrage geringer und die Wege länger sind. Eine ausreichende Verfügbarkeit der Fahrräder ist hierbei kompliziert. Hier haben sich zusätzliche “Inselgebiete” für die Abholung und Rückgabe von Leihfahrrädern als praktikable und wirtschaftliche Lösung erwiesen. Beispielsweise wenn ein Stadtteil durch ein Waldgebiet abgetrennt ist. Sie verbinden noch bestmöglich den Vorteil des Door-to-Door Ansatz, ohne dabei die erforderliche Dichte an angebotenen Fahrrädern zu vernachlässigen. Auch hier gilt wieder – die Orientierung muss einfach sein – immer.

Wirtschaftlichkeit und Flächeneffizienz

Die Wirtschaftlichkeit von Leihfahrradsystemen hängt entscheidend von zwei Faktoren ab. Einer bestmöglichen Nutzung durch zahlende Nutzer und einer möglichst kosteneffizienten Bereitstellung.
Für ersteres ist eine optimale Auslastung durch bestmögliche Abstimmung von Angebot und Nachfrage sowie der Preis essenziell. Hierfür ist eine einfache, umfassende und zeitgemäße Nutzbarkeit der Fahrräder, Fahrradinfrastruktur und App die Grundlage.
Die kosteneffiziente Bereitstellung ist getrieben durch die Fahrräder selbst, die operativen Wartungs- und Instandhaltungskosten als die infrastrukturellen Maßnahmen.

Kann aus diesen Punkten ein wirtschaftlicher Business Case errechnet werden, dann lohnt es sich für ein privatwirtschaftliches Unternehmen Fahrräder in dieser Stadt und in diesen Stadtteilen anzubieten. Zumindest für ausgewählte Stadtteile. Wenn nicht, und die Stadtregierung trotzdem ein Interesse an Leihfahrrädern hat, kann sie diese Mobilität durch eine Beauftragung durch eine Ausschreibung absichern.

In (engen) Innenstädten ist zudem die Flächeneffizienz ein zentrales politisches Kriterium: Jeder Quadratmeter, der für abgestellte Fahrräder genutzt wird, steht nicht für andere Zwecke zur Verfügung. Eine verantwortungsvolle und Nachfrageorientierte Infrastruktur ist hier zwingend notwendig. Durch intelligente Planung und die Nutzung intelligenter Steuerungstools lassen sich sowohl Kosten als auch Flächenverbrauch minimieren.

Was können Städte tun? Mehr normale Fahrradständer und bedarfsgerechtere Ausschreibungen

Eine zentrale Herausforderung für die Zukunft besteht darin, das Leihfahrrad-Angebot gezielt an der tatsächlichen Nachfrage auszurichten. Datenbasierte Analysen, Nutzungsschwerpunkte und -zeiten, saisonale Schwankungen, Großveranstaltungen – das alles gehört zum Grundverständnis dazu. Wichtig ist jedoch auch die Wirtschaftlichkeit des Betriebs, die Akzeptanz bei Bürgern und den Freiraum zur technologischen Weiterentwicklung nicht zu blockieren. Zu kleinteilige Infrastruktur kann die mittelfristige Entwicklung des Angebots eher behindern als sie zu fördern.

Eine Stadt sollte bei ihrem eigenen und subventionierten Angebot auf die vorhandene Verfügbarkeit privater Anbieter schauen, und dementsprechend im Auftrag einer sozialen Gesellschaft eine subventionierte Lösung, nur dort wo notwendig ergänzen. Das Gießkannen-Prinzip ist in diesem Falle ressourcenverschwendend, nicht zielführend und auch nicht sozial. Um bei Produkt-Weiterentwicklungen, z.b Fahrrädern oder App nicht zu weit ins Hintertreffen zu geraten, sollten diese bei der Ausschreibung mitberücksichtigt werden.

In Bezug auf die Infrastruktur ist nicht eine Vielzahl von Leihfahrräder-Abstellstationen, sondern eine passende “normale” Fahrrad-Infrastruktur mit ausreichender Anzahl Fahrradständern notwendig. Da es daran vielerorts fehlt, vor allem auch an hoch frequentierten Hotspots, kommen dann unter anderem immer die hässlichen Bilder von einer Vielzahl an umgeworfenen Fahrrädern und Stehrollern zustande. So können Überkapazitäten mit 15+ herumstehenden Fahrrädern und gleichzeitige Nicht-Verfügbarkeit vermieden und gleichermaßen die Wirtschaftlichkeit des Angebots verbessert werden.

Fazit und Ausblick: Die Fahrradinfrastruktur kann noch besser werden

Subventionierte Leihfahrräder werden auch in Zukunft eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung nachhaltiger, lebenswerter Städte spielen. Entscheidend ist, das Angebot kontinuierlich a die sich wandelnden Bedürfnisse der Bevölkerung, die Wirtschaftlichkeit einzelner Geschäftsmodelle und technologische Weiterentwicklungen anzupassen. Die differenzierte Ausgestaltung zwischen Innenstädten und Randgebieten, die Integration in die bestehende Mobilitätsinfrastruktur und die wirkliche Notwendigkeit für Subventionen bilden das Fundament für den weiteren Weg. So können Leihfahrräder einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der urbanen Lebensqualität leisten.

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